Gefühl kontra Verstand

Oft habe ich das Gefühl:
Das solltest du jetzt machen!
Da kommt gleich der Verstand
und fängt laut an zu lachen.

„Ich bitte dich" sagt er, „du wirst doch nicht vergeben!
Dem Gefühl ,Verzeihen',
dem mußt du widerstehen".

Ein anderes mal sagt mein Gefühl:
„Hier sollst du besser schweigen!"
Schon kommt der drängende Verstand:
„Hier mußt du deine Trümpfe zeigen!
Hier kannst du heftig diskutieren
und die anderen kritisieren!"

Oft sagt das Gefühl: „Sei klug, gebe nach!
Streit hat keinen Sinn!"
Da schreit der Verstand:
„Oh, diese Schmach,
du mußt dich beweisen!
Nachgeben bringt keinen Gewinn!"

Dann wieder sagt das Gefühl:
„Was du gestern gehört,
nimm es herein in dein Leben!"
Gleich ruft der Verstand:
„Ich bitte dich,
du wirst doch nicht nach neuen Erkenntnissen streben!

Ein anderesmal sagt das Gefühl:
„Geh diesem Menschen entgegen mit Herz!"
Da kommt der Verstand und sagt zum Gefühl:
„Du machst wohl einen Scherz?"

Dann wieder sagt das Gefühl:
„Laß deine Vorurteile sausen!
Sie haben keinen Wert!"
Da schaltet der Verstand sich ein:
„Im Gegenteil, sie sind ganz wichtig,
sie nicht zu haben ist verkehrt!"

Wie oft sagt das Gefühl:
„Hier hast du jemanden Unrecht getan!
Gehe hin und stelle richtig!"
Gleich sagt der Verstand:
„Das ist vorbei und sicher nicht so wichtig!"

Oft sagt das Gefühl:
„Schenk der Beleidigung kein Gewicht!
Man wollte dich sicher nicht kränken!"
Schon kommt der Verstand und redet dir zu:
„So darfst du wirklich nicht denken!"

Das Gefühl sagt oft:
„Mach eine Pause, sei nicht so hektisch, ruhelos,
immer in Eile!"
Der Verstand schaltet sich ein und meint:
„Ach komm, jetzt geht das nicht,
du schaffst es noch eine Weile!"

So hat man sich das Sprachrohr der Inneren Stimme,
verstopft mit viel Verstand,
wundert sich, wenn Chaos herrscht,
meint, dieses Werk sei Gottes Hand.

Bei vielen wird er sich jetzt rühren, der Verstand,
und rufen: „Auch ich bin für dich von Gott geplant.
Hör mir doch auf mit Gefühl und Herz,
mit Freude und Glück und himmelwärts,
du brauchst mich, um richtig zu leben,
du brauchst mich unbedingt, um dein Ego zu heben!"

„Ich bitte dich", sagt still und leise das Gefühl,
„laß mich gewähren in deinem Leben,
denn ich bin dir von deinem Schöpfer,
als größte Hilfe mitgegeben!"

Quellenangabe: Herta Steiner: "Weil ich Dich mag", Unipress Verlag Salzburg